Interview mit Christian Scherr
"Wien kann getrost als die Plasmahauptstadt der Welt bezeichnet werden"

Christian Scherr (BioLife Plasmazentren) ist Vorsitzender der IG Plasma. Im LEADERSNET-Interview spricht er über die Wichtigkeit der Plasmaspende, über die Plasma-Wertschöpfungskette in Österreich sowie über deren Bedeutung für die heimische Wirtschaft und verrät, was er sich von Politik und dem Gesundheitswesen für die Zukunft wünscht. 

LEADERSNET: Sehr geehrter Herr Scherr, Sie sind Vorsitzender der IG Plasma. Was genau ist das und welche Rolle übernehmen Sie dabei?

Christian Scherr: Die IG Plasma steht für Interessengemeinschaft Plasma. Sie ist die Vertretung der drei Unternehmen, die hierzulande Plasma aufbringen. Ich bin aktuell der Vorsitzende dieser Interessengemeinschaft. Unser Hauptanliegen ist, einen wesentlichen und guten Beitrag zur Versorgungssicherheit mit dem sehr wichtigen Rohstoff Blutplasma zu leisten. Wir sind auch Advokaten dafür, dass dies mit den höchsten Qualitätsstandards passiert – einerseits in der Gewinnung des Plasmas und andererseits auch die bestmögliche Betreuung der Spender:innen zu gewährleisten. Da das gesammelte Plasma Rohstoff und Ausgangsbasis für unzählige wichtige plasmabasierte Therapien ist, spielt die Qualität auch für die Produkte eine immense Rolle.

LEADERSNET: Vor 60 Jahren wurde das erste Plasmapheresezentrum in Wien eröffnet. Was hat sich seitdem getan? Auf welche Entwicklungen sind Sie besonders stolz?

Scherr: In den vergangenen 60 Jahren wurde aus der Plasmawirtschaft ein bedeutender Wirtschaftsfaktor für das Land. Nicht nur, dass in Österreich der Grundstein für die Plasmapherese in Europa gelegt wurde, war dies auch ein Magnet für die Industrie am Standort Österreich, und zwar entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von der Gewinnung über die Produktion bis zu Forschung und Vertrieb. Aktuell betreiben wir als BioLife 14 Zentren in Österreich, in Summe sind hierzulande 26 Plasmaspendezentren vertreten, die unseren Spender:innen zur Verfügung stehen.

Wir reden von ungefähr 10.000 Beschäftigten, die durch die Plasmaindustrie in Österreich einen hochwertigen Arbeitsplatz haben und ungefähr 1,1 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung generieren. Allein bei Takeda, einem der größten Plasmafraktionierungswerke weltweit, werden über 17 plasmabasierte Therapien hergestellt und somit ein wesentlicher Beitrag zur Patientenversorgung geleistet. Dementsprechend können wir heute mit Stolz sagen, Wien kann getrost als die Plasmahauptstadt der Welt bezeichnet werden.

LEADERSNET: Wie läuft so eine Plasmaspende eigentlich ab? Und wofür benötigen Sie das Plasma?

Scherr: Vom Ablauf her ist es so, dass vom ersten Auftreten im Zentrum bis zur vollendeten Plasmapherese Spender:innen durch bestens geschultes medizinisches Personal begleitet werden. Am Anfang steht das Screening mit einem Arzt oder einer Ärztin, also die Abklärung des Gesundheitsstatus‘ mit Rückblick auf die Gesundheitshistorie. Es werden Fragebögen ausgefüllt, die einen Überblick geben sollen, wie der Gesundheitsstatus bemessen ist und ob es in der Vergangenheit Themen gegeben hat, die vielleicht zu einem Ausschluss der Spendentätigkeit führen. Wird ein:e Spender:in zugelassen, wird im Pherese-Saal eine Venenpunktion durchgeführt. Dafür wird ein steriles Einmalset verwendet. Im Zuge der Plasmapherese wird dann nur der flüssige Teil des Blutes gesammelt und die festen Bestandteile werden wieder zurückgeführt. Die Auftrennung passiert durch eine Zentrifuge. Das gespendete Plasma wird schließlich in einem Beutel gesammelt, von dem vor dem Einfrieren noch zwei weitere Proben gezogen werden. Diese werden dann in einem externen Labor weiter analysiert. Dann wird der Plasmabeutel auf –25 Grad Celsius gefroren und für den Weitertransport freigegeben.

Statistiken zeigen, dass acht von zehn Menschen einmal im Leben auf ein plasmabasiertes Produkt angewiesen sind. Das sind nicht nur Patient:innen mit Blutgerinnungsstörungen oder Immundefekten. Es gibt viele weitere Anwendungsbereiche. Doch Blutplasma kann nicht künstlich hergestellt werden, das heißt, gibt es keine Spender:innen, dann gibt es die auf Plasma basierenden Produkte einfach nicht.

LEADERSNET:  Wie viele Menschen in Österreich kommen regelmäßig zur Plasmaspende? Und würden Sie sich mehr Beteiligung wünschen?

Scherr: Die Zahl der Spenden ist seit der Pandemie um über 20 Prozent zurückgegangen. Das hat natürlich auch eine Auswirkung auf die Versorgungssicherheit mit plasmabasierten Therapien. Wir beobachten einen doppelt negativen Effekt auf das Plasmavolumen, denn sowohl die Zahl der Neuspender ist gesunken, als auch die Spendefrequenz hat abgenommen. Aufgrund der Veränderungen in unserer Gesellschaft wird es immer schwieriger, neue Spender:innen zu gewinnen. Darum ist es wichtig, dass bestimmte Rahmenbedingungen gewährleistet bleiben, wie die Aufwandsentschädigung. Der Prozess der Plasmaspende ist wesentlich länger als der einer Blutspende und dauert 45 Minuten bis eine Stunde. Außerdem kann man bis zu 50-mal im Jahr Plasma spenden, was einen doch erheblichen Zeitaufwand darstellt.

LEADERSNET: Glauben Sie, durch die Inflation und Teuerungen sind die Menschen eher gewillt, Plasma wegen des Geldes abzugeben?

Scherr: Wir reden hier tatsächlich nur von einer Aufwandsentschädigung. Die Höhe ist ungeeignet dafür, einen Lebensunterhalt oder einen signifikanten Beitrag dazu zu liefern. Beim Plasmaspenden geht es daher vorrangig um das intrinsische Motiv "ich will helfen", aber natürlich sollen Spender:innen dadurch nicht schlechter gestellt sein, weswegen der Zeitaufwand kompensiert wird.

LEADERSNET: Mit Blick auf die Beteiligung: Was erwarten Sie von der Regierung, um die Menschen zur Plasmaspende zu motivieren?

Scherr: Plasmaspenden müssen stärker im öffentlichen Diskurs Eingang finden. Der Bedarf an plasmabasierten Produkten ist kontinuierlich im Steigen begriffen, mit deutlichen Zuwachsraten. Ein Trend, der sich aufgrund besserer Diagnosen weiterer Therapiegebiete so fortsetzen wird. Ohne Spenden keine Therapien – daher muss auch ins Bewusstsein rücken, wie wichtig die freiwilligen Spenden sind, um den Bedarf zu decken und Patient:innen versorgen zu können. Wir brauchen ein klares Bekenntnis in der Öffentlichkeit zur Plasmaspende. Wir haben vor eineinhalb Jahren die Kampagne "Mein Plasma" gestartet, wo klar wird, dass es jeden im Alltag treffen kann – denn im Schnitt sind 8 von 10 Menschen einmal im Leben auf Plasma angewiesen. Die Plasmaspende ist somit gleichbedeutend mit der Blutspende. Allein haben wir jedoch nur eine begrenzte Reichweite und sind auf Unterstützung angewiesen – auch vonseiten der Mediziner:innen.

LEADERSNET: Und wo wir schon bei der Regierung sind: Rund 70 Prozent des Plasmas kommen aus den USA. Wie sehr beunruhigt Sie die Präsidentschaft Trumps? Und wenn Sie beunruhigt sind, wieso?

Scherr: Unabhängig von der Administration in den USA ist eine Abhängigkeit grundsätzlich kein guter Zustand. Wir sollten in Europa tunlichst danach trachten, dass wir diese Unabhängigkeit auch gewährleisten können, sprich, dass wir eben nicht zu diesem hohen Prozentsatz auf amerikanisches Plasma angewiesen sind. In Europa benötigen wir aktuell circa 40 Prozent amerikanisches Plasma, um den Bedarf zu decken – und das macht mir Sorgen. Es ist also nicht die politische Landschaft, sondern dass wir überhaupt in Europa abhängig sind vom amerikanischen Plasma. Deswegen ist es auch wichtig, dass wir versuchen, auch andere zusätzliche europäische Märkte davon zu überzeugen, eine entsprechende Infrastruktur aufzubauen, um eine Versorgungssicherheit gewährleisten zu können.

LEADERSNET: Wenn Sie eine Sache in der Zukunft ändern können, was wäre das?

Scherr: Es ist an der Zeit, dass die Plasmaspende den Stellenwert erhält, der ihr gebührt – als unverzichtbare Säule für unser Gesundheitswesen. Dieses Bewusstsein muss nicht nur in der breiten Öffentlichkeit ankommen, sondern auch von Meinungsbildner:innen, der Politik und den Menschen im Gesundheitswesen getragen werden. Gemeinsam müssen wir ein klares, unmissverständliches Bekenntnis zur Plasmaspende ablegen und die Rahmenbedingungen schaffen, die es ermöglichen, noch mehr Menschen für diese wichtige Aufgabe zu gewinnen – ohne, dass grundlegende Eckpfeiler wie die Aufwandsentschädigung immer wieder infrage gestellt werden.

In Österreich haben wir das große Privileg einer hervorragenden Abdeckung mit Plasmapherese-Einrichtungen. Ein Plasmazentrum ist selten weit entfernt – es liegt an uns, diese Gelegenheit zu nutzen. Lassen Sie uns zusammenstehen und mit einer einfachen, aber kraftvollen Geste einen großen Unterschied machen: Spenden Sie Plasma – für Ihre Mitmenschen und für das Leben.

LEADERSNET: Vielen Dank

www.plasmazentrum.at

Plasmaspenden in Österreich

Wien:

  • BioLife Plasmazentrum Wien Operngasse
    Operngasse 17-21
    1040 Wien
  • BioLife Plasmazentrum Wien Kirchengasse
    Kirchengasse 3
    1070 Wien
  • BioLife Plasmazentrum Wien Favoriten
    Favoritenstraße 93, 5. Stock
    1100 Wien
  • BioLife Plasmazentrum Wien Donaustadt
    Siebeckstraße 7
    1220 Wien

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